Einmal Erkenntnis und zurück

#istmirnichtwurst sagen Menschen für die Kampagne des Ö-Magazins über ihren Fleischkonsum. Wenig überraschend haben sich überwiegend Pflanzenköstler beteiligt. Nur Eine war still: die Kurzzeit-Veganerin, die heute sogar wieder Fleisch isst. Gedanken über Schwäche und Moral.

Wir essen wieder Fleisch. So nun ist es raus. Für die meisten unserer engen Freunde ist das keine Überraschung, haben sie mich doch beim 30. Geburtstag meines Mannes eine Speckjause zubereiten sehen. Aber die Vegetarier und Veganer unter ihnen mögen sich vielleicht doch insgeheim fragen: „Wie können sie nur?“ Die kurze Antwort auf diesen nie ausgesprochenen Vorwurf lautet: weil wir Teilzeit-Arschlöcher sind. Read More

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Sie haben wenig und können viel mehr

Wenn die Zeit der Hetze für die Geflüchteten vorbei ist, weil sie in einem Erstaufnahmezentrum angekommen sind, dann beginnt das endlose Warten. Aufs Essen, auf irgendwelche Registrierungsprozesse, auf den Arzt. Wenig sinnvolle Beschäftigung ist dabei und es ist nicht klar, wann das quälende Warten ein Ende haben wird.

In Deutschland und Schweden verstreichen so ein paar Monate, in Österreich mindestens ein halbes Jahr, bis überhaupt eine Chance besteht, dass ein Asylwerber etwas tun darf. Read More

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Im Gutrausch

In Wien, München, Frankfurt wurden in den letzten Tagen Flüchtlinge, die es aus Ungarn rausgeschafft haben, mit stürmischem Applaus empfangen. Menschen brachten nicht nur Essen, Getränke, Hygienepakete sondern auch Luftballons und selbst gemalte Schilder mit. Das war schön und wichtig, um zu zeigen: Geflüchtete Menschen sind bei uns willkommen, wir stehen nicht hinter der menschenverachtenden Asylpolitik unserer Regierungen. Und Fremdenfeindlichkeit hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Wir waren zu recht gerührt und stolz. Endlich gab es wieder einen Grund, sich nicht so sehr zu schämen.

Aber die Partystimmung, so anrührend und positiv sie auch ist, so sehr sie auch die Mitte der Gesellschaft zum Zupacken gebracht hat: Sie hat eine Kehrseite. Read More

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Warum man mit den Rechten wie mit Kindern sprechen sollte

In den letzten Wochen und Tagen ist die Debatte um Flucht, Asylsysteme, rechte Hetze und rechte Gewalt gefühlt immer intensiver geworden. Ich gehe wohl nicht nur der Facebook-Selektion auf den Leim, wenn ich sage: Die Timeline war und ist voll damit. Til Schweiger, Joko und Klaas, Oliver Kalkofe haben sich mit recht deutlichen Worten positioniert und dafür auch viel Beifall vom LagerPro Flüchtlinge“ geerntet (dem ich mich selbst zuordne). Auch ich bin froh, dass solche reichweitenstarken Persönlichkeiten klare Aussagen treffen und das Thema so auch bei Zielgruppen ankommt, die sonst weniger über Asylpolitik nachdenken würden.

Aber ich bin nicht die Einzige, die der untergriffige Ton des Videos von Joko und Klaas gestört hat. Ich glaube schlichtweg nicht, dass man jemanden, der sich selbst als „Asylkritiker“ bezeichnet, damit überzeugen kann, ihn einen „Intelligenzflüchtling“ zu nennen. Zu Beginn seines Videos vermeldet Kalkofe sogar, dass er schon wisse, dass man ihm von Seiten dieses Lagers wohl kaum anhören würde, weil er ja ein „Gutmensch“ sei. Er rechnet also gar nicht damit, jemanden zu überzeugen. Stattdessen predigt er zu den Gläubigen. Er sagt, dass Gewalt nie die Antwort auf Gewalt sein darf. Das stimmt und gilt aber auch für verbale Übergriffe. Read More

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Ich bin nicht einverstanden!

Mir reicht es mit dem Elend.

Spätestens, seitdem in Syrien die Hölle losgebrochen ist, hat mich das Thema Flucht berührt, ja verfolgt. Wenn wieder ein Boot mit mehreren hundert Menschen gesunken ist, viele Kinder darunter. Oder wenn zu lesen war, dass es offenbar in deutschen Asylwerberheimen üblich ist, die Bewohner erst bei starken Schmerzen medizinisch zu versorgen. Dass Kindern die Zähne wegfaulen, weil unter zwölf Jahren keine Zahnbürsten vorgesehen sind. Dann zog es stark in der Magengegend. Ein Warum?“ bohrte sich ins Herz. Warum muss so etwas sein, im reichen Deutschland?

Und ich dachte: Man müsste eigentlich was tun; mehr als nur seine Empörung in einem Facebook-Beitrag zu äußern. Aber was? Und wann? Der Alltag ging weiter, bis zur nächsten Schreckensmeldung.

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German Angst frisst Kinderwunsch

Kinderhaben ist schön. Wie, das glaubt ihr nicht? Doch, doch. Aber Ihr habt es vermutlich schon lange nicht mehr gehört oder gelesen. Denn medial verbreitet ist die Gegenthese.

Glauben wir den Zeitungsberichten und mitleiderregenden Blogposts zum Thema Muttersein, dann wissen wir es scheinbar ganz genau: Ein Baby ist ein nervenfressender Dementor, der eine glückliche Karrieremutter zu einem seelenlosen, stilldementen Zombie macht. Die sexlose Partnerschaft ist am Ende, in Bus und Bahn wird mit dem Finger auf einen gezeigt, wenn aus dem Kinderwagen ein Quaken kommt. Kinder sind eigentlich zwar ganz nett aber ständig krank, müssen wegorganisiert werden und der Arbeitgeber hätte gerne, dass man sie einfach leasen oder zwischenzeitlich einfrieren kann.

Das alles könnte eventuell ein bisschen stimmen, von Zeit zu Zeit, bei manchen Familien. Es könnte aber auch sein, dass hier ganz viele winzige Anekdoten von Einzelfällen zu einem großen, monströsen Zerrbild zusammengefügt werden. Read More

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Kindersichere Kindheit und entmündigte Erwachsene

In ihrer Online-Kolumne „Digitale Dröhnung“ für das österreichische Nachrichtenmagazin Profil schreibt Ingrid Brodnig über ein sehr gruseliges aber wenig überraschendes Google-Patent aus dem Jahr 2012, das kürzlich von der BBC ausgegraben wurde. Ein Roboter-Teddybär, der mit seinem Umfeld interagieren kann, sämtliche Aufnahmetechniken beherrscht und Geräte in der Umgebung steuern kann. Gemacht für die Totalüberwachung im Kinderzimmer. Read More

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Wir wussten von nix, niemals!

Der gute BILDblog hat einen kurzen Nachklapp zur unsäglich Westfalen-Blatt-Geschichte geschrieben, den ich für sehr wichtig halte. Offenbar hat die Redaktion laut einer zweiten Stellungnahme personelle Konsequenzen gezogen: Sie feuerte ihre freie Kolumnistin, weil sie einem Vater geraten hat, seine Töchter nicht zu einer Homosexuellen-Trauung mitzunehmen. Ihre Kolumne fand ich selbst total daneben, deshalb nun ein Bauernopfer zu geben, ist aber richtig heuchlerisch. Hat man denn auch den verantwortlichen Redakteur gefeuert, der das Stück ins Blatt gehoben, leicht sinnentstellend gekürzt und zum Druck geschickt hat? Nein. Und das würde ich auch nicht fordern wollen.

Wo ist denn unsere Streitkultur geblieben? Können wir einem Autoren, einem Redakteur oder Verleger nicht mehr vehement, laut und sogar mal stilvoll beleidigend die Meinung sagen – ohne dass sofort einer seinen Job verliert? Read More

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Malen nach Zahlen beim Abitur

„Seit ich denken kann stellt mir die Schule mithilfe eines Lehrplans Fragen, die ich anschließend mit ihren eigenen Antworten bearbeite. Das Rekonstruieren der Antworten nennt sich Lernen und das Aufschreiben des Gelernten Klausur.“

Auf freitag.de denkt der Abiturient Simon Clemens laut darüber nach, was seine gerade bestandene Abschlussprüfung eigentlich für einen Wert hat. Und somit auch, was er in all den Jahren davor aus der Schule mitgenommen hat:

„In dreizehn Schuljahren wurde ich nie gefragt, wer ich bin, sondern mir wurde immer gesagt, wer ich sein muss, um das zu tun, was von mir gefordert wurde. Die Schule interessiert sich nur für die Antworten, die sie mir in den Mund gelegt hat. Aber nicht für meine Fragen. Seitdem ich das verstanden habe, bin ich Klassenbester.“

Ich habe kein (Zentral-)Abitur abgelegt, sondern vor zehn Jahren (!) eine österreichische Matura bestanden und ich habe auch keine theoretische Ahnung von Didaktik oder sonst Erfahrungen als Lehrer gesammelt. Ich bin also einer dieser privaten Bundestrainer, die zuhause auf der Couch sitzen und natürlich eine viel bessere Mannschaftsaufstellung gemacht hätten. Ich war mal Schülerin und als solche besonders in den letzten beiden Jahren hart genervt von Bevormundung, Autoritätswahn und eingeschränktem Denken des Schulsystems.

Darum möchte ich aus der hintersten Reihe mal kurz darlegen, warum mich insbesondere die Aufgabe des bayerischen Abiturs in Kunst echt stutzig gemacht hat. Und warum ich deshalb glaube, dass sich im letzten Jahrzehnt doch nicht so viel im Bildungsbereich getan hat, wie ich gehofft hätte.

Die gesammelten Abituraufgaben aus Bayern hat die SZ veröffentlicht, hier der praktische Kunstpart, den ich so seltsam fand:

1. Bildnerisch-praktischer Teil [40 BE]

Ein Galerist organisiert in seinen Räumen eine Ausstellung mit dem Titel „Ma(h)lzeit“. Er wird Bilder junger Künstler zeigen, die sich mit dem Thema „Essen“ auseinandersetzen. Zur Vernissage wird eine Koch-Performance vor den Gemälden stattfinden. Gestalten Sie für diese Ausstellungseröffnung ein Plakat, das den Schriftzug „Ma(h)lzeit“ enthält!

a) Ideensammlung und Skizzen [10 BE]

Sammeln Sie zunächst zeichnerisch und/oder malerisch auf einem großen Blatt Motive, die im Zusammenhang mit den Themenbereichen „Essen/Kochen“ und „Kunst/Kunstschaffen“ stehen! Denken Sie dabei auch an die möglichen Utensilien und Werkzeuge aus beiden Bereichen! Erproben Sie gegebenenfalls das Entstehen von malerischen Spuren mit adäquaten Materialien und Arbeitsvorgängen! Überlegen Sie sich nun, wie aus den Kombinationen von Einzelmotiven aus beiden Bereichen ungewöhnliche Bildideen entstehen! Visualisieren Sie skizzenhaft geeignete Kombinationen, achten Sie dabei auf eine große Variationsbreite und eine ansprechende Blattgestaltung!

Die Aufgabenstellung ist klar: Es soll ein Plakat entstehen. Man könnte meinen, das sei schon genug des Hinweises, um reife Schüler, die sich für Kunst interessieren, einige spannende Entwürfe produzieren zu lassen. Ein Plakat muss ja nicht nur gemalt sein, es wäre in meinen Augen auch aufschlussreich, welche Konzepte für Fotoproduktionen oder meinetwegen illustrative Installationen so ein Schülerhirn unter Zeitdruck ersinnen kann. Natürlich ausreichend dokumentiert und argumentiert.

Aber gut, es soll gezeichnet oder gemalt werden; also kann man ja einen zeichnerischen Entwurf zur Bedingung machen und ein freies Stilmittel erlauben. Aber nein, scheinbar muss man die Aufgabe sogar noch viel weiter präzisieren (lies: die möglichen Ergebnisse eingrenzen). Dem Abiturienten werden hier nicht nur die Arbeitsmittel und der Stil, sondern auch seine Assoziationen zum Thema sehr genau vorgegeben. Selbst, wenn einer wollte: Etwas anderes als die erstbeste Idee sollte er hier tunlichst nicht abliefern. Denn das ist nicht gefragt. Stattdessen: Utensilien aus Kunst und Kochen kombinieren, bitteschön!

Man müsste es statistisch auswerten, aber ich traue mich zu wetten: Auf einem Drittel der bayerischen Abiturarbeiten in Kunst waren Gabeln und Pinsel zu sehen.

Der Titel ist natürlich hoch provokativ und soll nur verdeutlichen, wie wenig Raum zu eigenen Ideen das Kunstabitur in dieser Form lässt. In Wahrheit wäre ich zum jetzigen Zeitpunkt bei diesem Abitur nämlich mit wehenden Fahnen untergegangen.

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Unverblümtes Unrecht

Guter Rat ist teuer, schlechter noch teurer. Besonders am Sonntag, im Westfalen-Blatt. Im Zweifel kostet er einen nämlich eine schöne Beziehung zu seinem eigenen Bruder. Zum Beispiel, wenn man sich sorgenvoll an die Ratgeberredaktion wendet, weil man Angst hat, seine beiden Töchter auf eine Hochzeit von zwei Männern mitzunehmen und dort Blumen streuen zu lassen.

Man bekommt dann Recht und Bestätigung, wo man lieber ein bisschen verbal geschüttelt werden sollte. Aber ja, meint stattdessen die Redakteurin, es stimme: Die beiden Grundschulkinder könnten verwirrt werden, wenn so etwas Ernsthaftes wie die Ehe für Homosexuelle gelten soll. Da sollen sie dem Treiben lieber ganz fern bleiben. Auch wenn es sich um ihren lieben Onkel handelt, der mit seinem Freund den Rest seines Lebens verbringen möchte.

Weil ich ganz anderer Meinung bin, übernehme ich mal das verbale Schütteln an Stelle der Redaktion:

Lieber Bernhard,

es ist für Homosexuelle tatsächlich schwierig, eine gelungene Hochzeitsfeier zu planen. Vor allem, weil sie nach deutschem Recht immer noch nicht eine Ehe eingehen dürfen wie alle anderen auch, sondern nur eine „eingetragene Lebenspartnerschaft“ mit weniger Rechten. Blumen streuen, Reis werfen – alles Rituale einer typischen Hochzeitsfeier – das ist leider auch irgendwie mit einem negativen Beigeschmack behaftet: Normalerweise Zeichen für die erhoffte Fruchtbarkeit und einen reichen Kindersegen in kommenden Jahren, wird auch dabei die rechtliche Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren deutlich. Wenn sie nicht über gewisse Ressourcen verfügen und Schleichwege beschreiten, können zwei Männer, die gerne Väter sein wollen, nämlich immer noch nicht eine Familie gründen. Da Sie, wie Sie sagen, ihren Bruder und seinen Freund für wunderbare Menschen halten, muss ihnen dieser Umstand ziemlich leid für die beiden tun. Verdrängen ist aber keine Lösung, drum gehen sie hin und feiern sie auf der Hochzeit, dass wir immerhin schon so weit gekommen sind.

Seien sie aber unbesorgt: Von all dem Unrecht kriegen ihre Töchter nichts mit, dazu sind sie noch zu klein. Ihre Töchter sehen nur, dass ihr toller Onkel einen tollen Mann gefunden hat, den er liebt und mit dem er für immer zusammensein möchte. Dass daran etwas komisch sein könnte, würde denen gar nicht einfallen. Stattdessen würden sie stolz Rosen streuen und anschließend so viel Torte und Marzipandekor essen, bis ihnen die Bäuche wehtun.

Was sie vermutlich aber im Kopf niemals zusammenkriegen würden: Warum sie bei diesem schönen und wichtigen Tag im Leben ihres Onkels nicht dabei sein dürfen. Und warum der Onkel mit dem Papa nicht mehr reden mag. Darum versuchen sie, das Leben ihres Bruders nicht mit veralteten, gesellschaftlichen Scheuklappen zu sehen. Sehen sie diese Liebe mit neuen Augen. Mit denen ihrer Kinder.

Auch meine beiden Söhne werden bald ihre ersten schicken Anzüge kaufen und das erste Mal bei einer Hochzeit Blumen streuen. Onkel Flo und Onkel Sebastian, ich hoffe, ihr habt genügend Torte bestellt!

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