Egoismus finde ich eklig

„Warum mich der Feminismus anekelt“ ist ein Text, der von einer Frau verfasst wurde. Der ganz provokant sein soll, weshalb sie mittendrin schon mal zugibt, es mit dem Pfeffer grade ein bisschen zu übertreiben. Ekel ist ein starkes Wort und darum ist die Strategie auch aufgegangen. Es ist die journalistische Entsprechung zu einem Troll-Kommentar: Man möchte nicht darauf antworten, aber man MUSS einfach.

Die Autorin ekelt sich angeblich, weil der Feminismus sich nicht um ihre Belange kümmert, sondern um die von anderen, die Probleme haben, die sie nicht kennt. Und wenn etwas nicht ihrer Sache dient, dann kann es nur unnötig sein.

Komprimiert auf einen Satz:

„Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden, nur noch Symptom einer Empörungskultur, die sich fester an die Idee der Gleichheit klammert als jedes kommunistische Regime.“

Zwei Wochen später regt mich das immer noch auf. Nicht etwa, weil ich alles, was im Regal „des Feminismus“ steht, unkritisch kaufen würde. Ich nutze kein Binnen-I, weil ich den Menschen zutraue, hinter einer Gruppe „Schüler“ oder „Studenten“ sowohl junge Männer als auch junge Frauen zu vermuten. Wenn man mich fragt, ob man Unternehmen mit einer Quote für oberste Führungsriegen bestrafen soll, würde ich aus marktwirtschaftlicher Sicht eher mit Nein antworten. Und die stetige Kreation von Wörtern wie „lookismus“ aus dem feministischen Umfeld halte ich für unnötig, weil ich finde, dass man für die Verletzung von einzelnen Menschenrechten nicht immer neue Begriffe braucht – es ist schlicht Unrecht.

Obwohl ich aus den genannten Gründen eine denkbar schlechte Fürsprecherin für „den Feminismus“ bin: Ich bin nicht nur früheren, sondern auch heutigen Vertretern dankbar. Dafür, dass sie bei allem, was für die Gleichberechtigung schon erreicht wurde, immer noch genau hinschauen und bei Missständen aufschreien – im Zweifel lieber einmal zu genau und einmal zu laut. Auch wenn ich nicht alles verstehe, was (Netz-)Feministinnen fordern, wünsche auch ich mir eine Gesellschaft, die empathisch ist, selbstkritisch und gerecht. Dafür bin ich auch bereit, mir hin und wieder schräge Ideen zur deutschen Grammatik anzuhören und mich zu streiten. Wenn diese Art der geistigen Beweglichkeit dabei hilft, dass jemandes Benachteiligung erkannt wird, dass jemand in seinem Wesen gesehen und akzeptiert wird und eine Chance bekommt, die er vorher nicht hatte, dann ist es mir das wert.

Die Diskussionsbereitschaft der Autorin endet jedoch offenbar an dem Punkt, an dem sie ihr eigenes, angemessenes Gehalt verhandelt hat. Die Anliegen von Benachteiligten in unserer Gesellschaft, etwa von alleinverantwortlichen Elternteilen oder Frauen in schlecht bezahlten Dienstleistungsberufen, sind ihr egal. Ob es ihr auch so mit Menschen geht, die eine Erkrankung haben oder wegen ihrer ausländischen Wurzeln diskriminiert werden? Weil: betrifft sie ja nicht.

Gerechtigkeit und Chancengleichheit verwechselt die Journalistin mit Gleichmacherei und Planwirtschaft. Sie schwört auf die Spitze ihrer Ellenbogen, will sich und uns glauben machen, dass alle Frauen beliebig hoch klettern können, wenn sie nur mit dem Fuß in den Steigbügel kommen. Was sie aber vergisst: Selbst, wenn das so wäre, was ich vehement bestreite, ist der Sitz auf dem hohen Ross niemandem für immer sicher. Schnell kann man davon abgeworfen werden, ganz unverschuldet.

Bestimmt wird die Redakteurin nicht irgendwann mit drei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Speckgürtel einer Großstadt leben, Vollzeit an der Kasse sitzen und nachts den Haushalt machen, weil das mit der Ehe und dem Traum von der heilen Familie nicht geklappt hat. So weit würde sie es sicher nicht kommen lassen, sie ist wohl keine, die sich gern abhängig macht. Sie würde sich vermutlich von vornherein nur einen guten Typen aussuchen und eine noch bessere Ehe führen. Aber es könnte ja sein, dass ihr fiktiver, toller Mann das Pech hat, schwer krank zu werden oder einen tödlichen Unfall zu haben. Die beste Risikolebensversicherung würde diesen Verlust nicht ausgleichen können. Und es ist sowieso egal, wieviel Geld man in so einer Situation hat. Sie bliebe eine Frau, die alleine ihre fiktiven Kinder großzieht. Das reicht, um sich im besten Fall verdächtig zu machen. Und im schlechtesten Fall, um zu verarmen.

Frauen, die in der Schule immer super waren und im Studium spitze, die im Praktikum geglänzt haben und bei denen es immer einfach lief, sind zurecht selbstbewusst (auch wenn ein wenig Demut vor den eigenen Privilegien nie schaden kann). Und ich freue mich für die Autorin und für uns alle, dass sie glaubt, den Feminismus nicht mehr zu brauchen. Noch mehr würde ich mich aber freuen, wenn Frauen wie sie, die es offenbar drauf haben, sich mal für eine „obskure dritte Instanz“ einsetzen würden, wie sie das sagt. Also schlichtweg: Für andere, die nicht sie selbst sind. Zu denen sie aber jederzeit werden könnte.

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