Einmal Erkenntnis und zurück

#istmirnichtwurst sagen Menschen für die Kampagne des Ö-Magazins über ihren Fleischkonsum. Wenig überraschend haben sich überwiegend Pflanzenköstler beteiligt. Nur Eine war still: die Kurzzeit-Veganerin, die heute sogar wieder Fleisch isst. Gedanken über Schwäche und Moral.

Wir essen wieder Fleisch. So nun ist es raus. Für die meisten unserer engen Freunde ist das keine Überraschung, haben sie mich doch beim 30. Geburtstag meines Mannes eine Speckjause zubereiten sehen. Aber die Vegetarier und Veganer unter ihnen mögen sich vielleicht doch insgeheim fragen: „Wie können sie nur?“ Die kurze Antwort auf diesen nie ausgesprochenen Vorwurf lautet: weil wir Teilzeit-Arschlöcher sind.

Es gibt keine Berechtigung, Fleisch zu essen

Die etwas längere Antwort liefert auch eher den Versuch einer Erklärung als eine echte Begründung. Denn es gibt nur wenige Gründe, Fleisch zu essen, und die haben moralisch kaum Berechtigung: Weil es schmeckt. Weil wir Menschen Macht über andere Lebewesen haben. Und weil es für uns normal ist.

Aber vielleicht ist die Geschichte unserer traurig kurzen Läuterung trotzdem interessant. Nämlich immer dann, wenn Gesetzgeber glauben, dass mündige Konsumenten die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme sind. Sie wären es, wenn moralische Einsicht automatisch besseres Handeln bedeutete. Wie unsere Geschichte zeigt, ist das nicht so.

Von Fleischkäse zu Tofuwurst

Wir haben als Konsumenten einen langen Weg der Aufklärung hinter uns: In der Studienzeit waren mein Mann und ich nämlich noch echte Fleischfresser, Vegetarier waren in der Jugend bei uns im Bauernland Tirol auch eher skurrile Ernährungsfreaks.

Was haben wir mit unseren neunzehn Jahren damals gegessen? Mit dem Studentenbudget und unseren Essgewohnheiten konnte es nur das mieseste Fleisch sein, das der Markt so hergibt. Wir haben das nicht hinterfragt und als im Umkreis die ersten Vegetarier sogar zu Veganern wurden, mit spöttischer Ablehnung reagiert.

Als eine vegan lebende Freundin uns irgendwann entnervt zu einer Wette herausforderte, wagten wir es in der Gruppe, eine Woche lang keine Tierprodukte zu konsumieren. Eine vegane Woche, die schnell eskalierte: Ich verschlang innerhalb weniger Tage mehrere Bücher zum Thema – natürlich auch Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ – tauchte in die philosophischen und moralischen Überlegungen der Tierrechtsbewegung ein, lernte tolle vegane Rezepte kennen und stellte fest: Vegan zu leben, ist etwas mühsam, aber durchaus machbar. Und vor allem der richtige Standpunkt in einem falschen System.

Die arme Milchkuh!

Der vegane Versuch fiel in eine emotionale Zeit. Erst vor Kurzem hatte mein erster Sohn ein zaghaftes Ma-Ma gebrabbelt. Er war immer noch so zerbrechlich und abhängig von uns Eltern. Der Wunsch, ihm eine gute, gerechte Welt zu schaffen, der Ansporn, für ihn das allerbeste Vorbild zu sein, war niemals größer als damals. Und die Gedanken an geschredderte Hühnerküken, an trächtige Zuchtsauen im Kastenstand oder Kälber, die ihren Müttern entrissen und angebunden werden, haben mein Herz fast zerspringen lassen.

Nicht nur die Ernährung, das ganze Konsumverhalten wollten wir umstellen.

Ich war mir darum sicher, dass ich nie wieder tierische Lebensmittel konsumieren würde. Von Fleischkäse zu Tofuwurst, von der Buttermilch zum Soja-Latte in weniger als zehn Tagen – das war eine radikale Umstellung unserer Lebensgewohnheiten.

Aber die Gewissheit, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, endlich zu wissen, was gut und nicht gut ist, fühlte sich in diesen Wochen und Monaten wie ein Befreiungsschlag an.

Davon sollten noch mehr Menschen erfahren: Ich stand mir am veganen Kuchenbuffet die Beine in den Bauch und verteilte Flyer für die damals frisch gegründete, vegane Bewegung. Nicht nur die Ernährung, das ganze Konsumverhalten wollten wir umstellen. Noch jetzt erinnere ich mich an diese entschlossene Klarheit, die mir längst verloren gegangen ist.

Ein unmenschliches Bedürfnis, Mozzarella zu essen

Im Jahr darauf war ich wieder schwanger. Obwohl gewünscht und gewollt, war das eine körperliche Prüfung, denn diesmal kam zu den normalen Beschwerden noch ein Stillkind dazu. Ich hatte mich wieder rundum informiert und wusste rational, dass man mit guter Planung problemlos vegan schwanger sein kann.

Aber ich konnte bald nicht mehr. Tofuwurst wollte ich nicht mal mehr anschauen, der einst geliebte Zwiebelstreich ließ mich würgen und sämtliche gesunde Hülsenfrüchte lehnte mein Magen kategorisch ab.

Eier aß ich mit dem Gedanken an kleine Küken in der Sortieranlage.

Stattdessen war da ein unmenschliches Bedürfnis, Mozzarella zu essen. Hin und wieder schlich sich eine Packung davon in den Kühlschrank – immerhin bio… Dann kam die Milch wieder in den Kaffee, den ich als Schwangere nun mit doppelt schlechtem Gewissen trank.

Eier, ach was hatte ich die Eier vermisst! Nur diesmal aß ich sie mit dem Gedanken an kleine Küken in der Sortieranlage. Sind ja nur ganz wenige, sagte ich mir. Irgendwann sollten unsere Freunde und die Familie sich aber nicht mehr für uns mit veganen Menüs bemühen, wenn wir selbst so inkonsequent waren. Wir gaben es zu: Leute, wir leben nicht mehr vegan.

Der Fleischesser in uns war die ganze Zeit nur oberflächlich verscharrt. Plötzlich waren wir wieder welche.

Spulen wir ein paar Jahre weiter vor, zum ersten Kindergarten-Jahr unserer beiden Jungs. Dort, wo sie Bio-Huhn und Bio-Schinken bekamen, weil wir nach mindestens dreißig erfolglosen Kita-Anmeldungen nicht noch Ansprüche an vegetarische Menüs stellen wollten. Und weil es uns offenbar doch nicht so störte, solange sie zu Hause noch vegetarisch essen würden. War ja die Hauptsache, nicht?

Und Schritt für Schritt – wie es genau passiert ist, weiß ich nicht mehr – kauften wir sogar wieder Fleisch ein. Erst für die Kinder, dann für uns. Natürlich vom Bio-Metzger, natürlich selten und nur ganz wenig. Aber das änderte nicht die Tatsache: Der Fleischesser in uns war die ganze Zeit nur oberflächlich verscharrt. Plötzlich waren wir wieder welche.

Die Lust siegt über die Moral

Zurück in Tirol fiel das auch nicht sonderlich auf, vegetarische Freunde haben wir hier keine, obwohl es zuhauf wunderbare vegetarische und vegane Restaurants gäbe. An Auswahl für Vegetarier scheitert es höchstens auf entlegenen Almen oder in ganz traditionellen Gasthäusern.

Die Wahrheit ist, dass unsere Lust auf Fleisch schlichtweg stärker ist als unsere ethische Einstellung. Vermutlich würde es einfach die oft kolportierten fünf Jahre dauern, bis wir uns eine jahrzehntelang eingeprägte Gewohnheit wieder abgewöhnt hätten.

Für unsere Kinder ist es klar, dass man lieber einem besseren Bauern etwas mehr von seinem Geld gibt.

Aber wie kann man seinen Kindern erklären, warum man etwas moralisch richtig fände – und trotzdem nicht danach handelt? Sie wissen ja, woher das Fleisch kommt und wie eine Milchkuh lebt. Sie haben schon oft Kälber in Boxen gesehen. Wir sagen auch bei der Urlaubsreise offen, dass der graue Betonkasten am Straßenrand vermutlich eine Hühnerfabrik ist – und wir sprechen mit ihnen darüber, wie diese Tiere gehalten werden und warum.

Für unsere Kinder ist es klar, dass man so etwas im Supermarkt nicht unterstützen darf und lieber einem besseren Bauern etwas mehr von seinem Geld gibt. Gelegentlicher Verzicht gehört dazu. Aber sie erleben auch, dass wir vegan und vegetarisch lebende Freunde haben, die ihre moralische Überzeugung noch viel strenger auslegen als wir.

Sie sehen also: Unsere Eltern sind Menschen, die oft wider besseren Wissens handeln. Das ist die ganze Wahrheit und zwar nicht nur in Bezug auf Fleisch.

Unsere Anstrengungen sind begrenzt

Viele Veganer oder Vegetarier sind wahrscheinlich rundum verantwortlichere und diszipliniertere Menschen. Sie wollen nicht nur Tieren kein Leid zufügen, sie achten auch ungleich mehr als andere auf die Umwelt und ihre Mitmenschen: kaufen niemals Plastik, tragen ausschließlich bio-faire Kleidung, fliegen nicht in die Ferne. Wer all das bis ins kleinste Detail konsequent lebt, hat meine Hochachtung.

Nicht, dass wir nicht auch achtsam und respektvoll leben wollen – oder zumindest unseren Schaden begrenzen. Begrenzt sind aber auch leider diese Anstrengungen. Denn das Drama des aufgeklärten Menschen ist ja, dass es immer etwas gäbe, das er noch moralisch einwandfreier konsumieren sollte – oder besser nicht konsumieren.

Wir greifen zu diesen Produkten, weil sie doch für uns angeboten werden. Weil die meisten anderen sie auch kaufen. Und niemand uns dafür zur Rechenschaft ziehen wird, außer unser eigenes Gewissen.

Als berufstätige Eltern von drei Kindern haben wir ein konstant niedriges Zeit- und Selbstdisziplin-Budget: Oft schlägt die Tankanzeige auf „überfordert“ um und die Energiesparfunktion schaltet sich ein.

In solchen Momenten werden wir schnell schwach. Kaufen eben schon wieder die einzeln verpackten Seifenblasen für den Kindergeburtstag, obwohl wir die doch jetzt immer selbst machen wollten. Oder den billigen Schokoladenriegel an der Kasse, für den die Haselnüsse in der Türkei womöglich von Kindern geerntet wurden. Wir legen Bratwürstchen in den Einkaufswagen. Immerhin bio, beruhigen wir uns. Obwohl wir wissen, dass bio und artgerecht nicht dasselbe sind.

Wir greifen zu diesen Produkten, weil sie doch für uns angeboten werden. Weil die meisten anderen sie auch kaufen. Und niemand uns dafür zur Rechenschaft ziehen wird, außer unser eigenes Gewissen.

Für jeden schwachen Moment auch einmal Stärke zeigen

Ich halte das schlechte Gewissen damit in Schach, dass ich meinen Kindern in guten Momenten auch ein Nein begründen kann: „Ihr wisst, wir wollen weniger Plastik kaufen“ und: „Die Arbeiterin, die das genäht hat, bekommt wahrscheinlich viel zu wenig Geld. Das finde ich nicht gut.“ Oder: „Nein, wir warten auf die Wurst aus der Bauernkiste, da wissen wir, wie es den Tieren geht.“

Dabei hoffe ich insgeheim, dass sie solche Sätze speichern, sie später schonungslos in Frage stellen und es einmal noch viel, viel besser machen als wir.

Sie sollen erkennen, dass jede Kaufentscheidung sich auf andere Menschen, Tiere und ihre Umgebung auswirkt. Und dass für uns Menschen mit unserem Verständnis von der Welt und unserer Fähigkeit zur Empathie eigentlich höhere Ansprüche gelten. Dieses Streben nach mehr, das sich Ausstrecken nach einem besseren Leben und einer guten Zukunft für uns alle – das ist für mich das Minimum an Menschlichkeit.

Das Schlimmste wären Lügen

Wir müssen sie als Gesellschaft allerdings auch in starken Momenten strategisch einsetzen und Regeln aufstellen, damit die Moral nicht an einzelnen müden Kunden scheitert. Es gibt für mich zum Beispiel keinen Grund, warum eine aufgeklärte Gesellschaft ethisch fragwürdige Güter importiert, die unter diesen Bedingungen in ihrem eigenen Land niemals hergestellt werden dürften. Und sie sollte nicht hinnehmen, dass selbst die bestehenden Tierschutzgesetze für Kühe, Schweine oder Hühner praktisch nicht gelten.

Bis solches Unrecht beseitigt ist, wollen wir uns wenigstens im Kleinen weiterhin zum Besseren verändern. Ich freue mich, dass mir neuerdings Fleisch wieder gar nicht mehr so gut schmeckt. Dass wir in der Familie Wochen haben, in denen wir keines essen. Und warte auf den Tag, an dem mir ein Teenager sagt: „Mama, bitte für mich ohne totes Tier.“ Einer von hoffentlich vielen Momenten, in denen das Kind besser wird als ich.

Noch schlimmer als meine Unvollkommenheit wäre für mich nämlich, meine Kinder bewusst darüber hinwegzutäuschen. Irgendwann würden sie den Dreck unter dem Lügenteppich sowieso finden. Unseren moralischen Vorwärtsdrang sollen sie darum immer sehen können, auch wenn wir dabei allzu oft stolpern.

Sie dürfen wissen, dass wir erwachsenen Menschen manchmal an uns selbst, unserer verdammten Bequemlichkeit und unseren billigen Ausreden scheitern. Sie werden selbst einmal welche sein und ihre eigenen Fehler machen. Aber sie sollen niemals denken, dass wir die Gleichgültigkeit gewinnen lassen.

Leave a Comment