German Angst frisst Kinderwunsch

Kinderhaben ist schön. Wie, das glaubt ihr nicht? Doch, doch. Aber Ihr habt es vermutlich schon lange nicht mehr gehört oder gelesen. Denn medial verbreitet ist die Gegenthese.

Glauben wir den Zeitungsberichten und mitleiderregenden Blogposts zum Thema Muttersein, dann wissen wir es scheinbar ganz genau: Ein Baby ist ein nervenfressender Dementor, der eine glückliche Karrieremutter zu einem seelenlosen, stilldementen Zombie macht. Die sexlose Partnerschaft ist am Ende, in Bus und Bahn wird mit dem Finger auf einen gezeigt, wenn aus dem Kinderwagen ein Quaken kommt. Kinder sind eigentlich zwar ganz nett aber ständig krank, müssen wegorganisiert werden und der Arbeitgeber hätte gerne, dass man sie einfach leasen oder zwischenzeitlich einfrieren kann.

Das alles könnte eventuell ein bisschen stimmen, von Zeit zu Zeit, bei manchen Familien. Es könnte aber auch sein, dass hier ganz viele winzige Anekdoten von Einzelfällen zu einem großen, monströsen Zerrbild zusammengefügt werden. Eine Autorin der von mir geschätzten Zeitschrift Nido (Disclaimer: ich mag die auch beruflich) ging so weit, zu behaupten, kein Land sei so kinderfeindlich wie Deutschland. Weil nämlich manchmal Kinderwagen angezündet werden und ein Berliner mit einem Luftdruckgewehr auf Kinder geschossen hat. Ich behaupte, dass China mit seiner Ein-Kind-Politik, Indien mit seiner millionenfachen Auslöschung von Mädchen oder Nigeria, das eben erst die weibliche Genitalverstümmelung endlich mal verboten hat, uns da womöglich den Rang ablaufen. Womöglich auch nicht, denn auch das sind Mosaiksteine eines großen Bildes. Aber so ist es eben, wenn man sich immer nur nach oben vergleicht, nämlich mit Schweden, Island oder Dänemark.

Tatsache ist, dass in Deutschland Kinderreichtum als etwas Positives wahrgenommen wird, aber keiner glaubt, dass es positiv wahrgenommen wird.

Das deckt sich mit meiner anekdotischen Evidenz. Zur Beruhigung werfe ich mal ein paar positive Fakten aus dem persönlichen Erleben in den Ring:

Ich habe ein Kind während des Studiums bekommen und war bei meiner Diplomprüfung schon wieder im fünften Monat. Und obwohl ich genervt war, weil ich meine Milch fürs Baby am Klo abpumpen musste, habe ich sehr respektabel meine Ausbildung beenden können. Ich durfte diverse Klausuren sogar am Telefon abhalten, alle Professoren waren mehr als entgegenkommend.

Ich wurde noch nie in öffentlichen Verkehrsmitteln doof angeschaut oder angesprochen, warum meine inzwischen drei Kinder bitteschön so laut seien. Stattdessen wurde mir bisher fast immer Hilfe beim Ein- und Aussteigen angeboten.

Beinahe täglich komme ich mit Fremden auf der Straße oder in Läden in Kontakt, weil sie meine Kinder und mich anlächeln, Quatsch mit meinen Söhnen machen oder mit dem Baby brabbeln. Besonders Senioren, die angeblich besonders böse zu aufgeweckten Kindern sind, sind in Wahrheit besonders gelassen und freundlich.

Leider sind diese drei Beispiele als Beweismittel genauso wertlos wie die negativen, wenn daraus eine Gesellschaftsanalyse abgeleitet werden soll. Man muss sich also doch an die Zahlen halten. Und die sagen, dass in Deutschland im OECD-Länder-Vergleich mit am wenigsten Kinder geboren werden. Eine neue Studie, die geborene Kinder nicht pro Frau, sondern pro 1000 Einwohner vergleicht, sagt sogar, dass wir die weltweit niedrigste Geburtenrate haben.

Nun werden dafür Gründe gesucht, wie zum Beispiel eben unsere angebliche Kinderfeindlichkeit, die schlechte Unterstützung für Familien mit Wunscharbeitszeiten und kostenloser Kinderbetreuung und natürlich die Macht der Alten und ihrer Rollenmodelle.

Vergessen wird dabei aber zum Beispiel, dass Deutschland verhältnismäßig zu anderen Ländern einfach wirtschaftlich unglaublich gut dasteht und darum die Opportunitätskosten des Kinderkriegens entsprechend hoch sind. Dass die Lebenserwartung hoch ist und, dass wir beispielsweise ein Rentensystem haben, das Kinder individuell zumindest nicht zu einer Notwendigkeit macht.

Die Zahlen allein können den Grund für die Armut an Kindern aber sowieso nicht liefern.

Kinderfeindlich sind etwa die Italiener mit Sicherheit nicht, man sagt Italien ja nach, ein Bambiniparadies zu sein. Trotzdem rangiert es in der OECD-Liste ziemlich weit unten. Vielleicht, weil so viele Italiener mit 30 immer noch bei Mama wohnen müssen, aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil sie so leckere Pasta kocht. Die Italiener bekommen also offenbar wenige Kinder, obwohl sie Kinder eigentlich so lieben.

Die Amerikaner hingegen sind ganz vorne, was das Kinderkriegen in OECD-Staaten betrifft. Dort gibt es weniger Urlaubstage, vielerorts keinen bezahlten Mutterschutz, keine abgesicherte Rückkehr in den Job, keine staatlich subventionierte Kinderbetreuung (Kitaplatz: 1500 Euro) und wer seine Größeren unbeobachtet auf den Spielplatz schickt, darf sie anschließend bei der Polizei abholen. Es sieht so aus, als würden Menschen in Amerika einfach trotzdem Kinder bekommen. Obwohl es eine haarsträubend unökonomische Entscheidung ist. Vielleicht ist es in einer anderen Kultur des Scheitern begründet. Vielleicht, weil man nicht gewöhnt ist, dass der Staat einem das Leben besonders leicht macht. Der amerikanische Traum ist vor allem mit sehr viel Eigenverantwortung verbunden und Sicherheiten gibt es kaum.

Ich stimme zu, dass die Situation für Familien auch bei uns besser sein könnte. Die Frage ist nur, was wir in der Situation machen. Offenbar weniger Kinder als andere, die es noch schwerer haben.

Ich glaube anhand dieser Zusammenhänge, dass man den Grund für die wenigen Kinder in der Kultur suchen muss. Dass es eben doch eine sehr persönliche Sache ist, ob und wie viele Kinder man sich zutraut. Und ein Grund, den ich immer wieder finde und den Erhebungen bestätigen, ist dieser:

Wir haben Angst. Weil wir so viel haben.

Frauen in Deutschland haben sehr viele Chancen. Ja, wir haben zum Beispiel diese Bundeskanzlerin, die den mächtigsten Männern der Welt zeigt, wo es langgeht. Für Frauen gibt es zwar immer noch die gläserne Decke, aber sie ist dünner geworden. Wer sie durchstoßen will, braucht aber viel Kraft, mit Kindern hat man sie schlichtweg nicht in dem Maße. Männer, die für Kinder da sein wollen, übrigens auch nicht.

Die Angst, diese Chancen zu verlieren, ist groß.

Die Angst, nie mehr beruflich gefordert zu werden, ist groß.

Uns geht es so gut, dass wir in der Bedürfnispyramide ganz oben angelangt sind. Ich kenne eine Familie, die lebt mit zwei Kindern auf 50 Quadratmetern, kauft alles gebraucht und Urlaub ist für sie eine mehrtägige Wanderung in der direkten Umgebung. Diese vier Leute gehören zu den zufriedensten und glücklichsten Menschen, die mir einfallen. Früher wäre ihr Leben normaler deutscher Durchschnitt gewesen. Ein Großteil des Geldes ging für Wohnen und Nahrung drauf. Heute klingt es fast erstaunlich, dass eine Familie so leben und trotzdem sehr zufrieden sein kann. Denn heute wollen wir mehr als nur ein Dach über dem Kopf und einen satten Bauch: Fernreisen, eine stilvolle Einrichtung, mehr Quadratmeter als jemals zuvor, regelmäßig ins Restaurant gehen, Förderungsangebote für die Kinder, Bio-Catering in der Kita, einen Platz an der Privatschule…

Wir haben Angst, unseren Kindern nichts bieten zu können.

Wir haben Angst, uns selbst nicht mehr all die schönen Dinge leisten zu können.

Partnerschaften sind heute gleichberechtigter als zur Zeit unserer Mütter und Väter. Wenn Kinder kommen, werden diese Rollen plötzlich verändert und wir fallen auf tradierte Muster zurück. Manchmal aus Unwissenheit, wie es anders gehen könnte, aus Konfliktscheu und wegen der Idealbilder, die medial vermittelt werden (siehe Werbung für Autos, Kinderriegel oder Eigenheimfinanzierung).

Wir haben Angst, unsere Paarbeziehung aufs Spiel zu setzen.

Wir haben Angst, unser Ich und unsere Werte zu verlieren.

Wir haben eine Vielzahl an Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Einen verbindlichen Ablaufplan für alle gibt es nicht mehr. Unsere Großeltern hatten in der Wahl ihrer Lebensmeilensteine ziemlich wenig Freiheit. Wir haben inzwischen so viele Optionen, das Individuum ist stärker denn je.

Wir haben Angst, uns mit der einzigen unumkehrbaren Lebensentscheidung (Kinderkriegen) zu sehr festzulegen.

Wir haben Angst, nicht mehr alles erfüllen zu können, was wir uns vom Leben wünschen. Zwar tun wir das sowieso nicht mit allem, etwa Programmieren zu lernen oder das Französisch wieder zu verbessern. Aber das theoretische Können ist psychologisch wichtiger als das praktische Tun.

Wir haben Angst, uns einen Traum zu erfüllen, der andere Träume kannibalisiert.

Ich sage „Wir“, obwohl ich ehrlich gesagt schreiben müsste „Ihr“. Denn ich habe ja meine drei Kinder schon zur Welt gebracht, ich habe nicht mehr den Luxus der Entscheidungsfreiheit. Aus der fünfjährigen Erfahrung kann ich sagen, dass natürlich nicht alles einfach war und dass meine eigene Position gleichzeitig eine sehr privilegierte ist, weil ich bisher im Leben immer viel Glück hatte.

Ich glaube nur, viele die da jammern, zweifeln und sich sorgen, sehen selbst gar nicht mehr, wie privilegiert sie eigentlich sind. Tatsächlich ist der Zusammenhang: Je größer unsere Erwartungen ans Kinderkriegen, desto geringer der Kinderwunsch. Das soll aber auch gar kein Vorwurf sein, im Gegenteil eher eine Aufmunterung, eine neue Perspektive einzunehmen.

Hier eine Liste von psychologischen Tricks, wenn zum Kinderkriegen zwar der Wunsch da ist, aber nicht der Mut.*

Sucht euch positive Vorbilder. Zum Beispiel die Freundin, die nach der Elternzeit wieder glücklich im Job ist. Oder das Paar, das eine Weltreise mit seinen Kindern gemacht hat. Trefft euch mit Eltern, die euch ihr Baby in den Arm geben. Das euch anlächeln wird oder mit seinen Patschehänden euren Finger umschließen.

Lasst es zu, von eurem Leben mit Kindern zu träumen und zieht nicht von vornherein Gefühlsschranken ein. Ja, es wird nicht alles rosarot. Aber ihr werdet eure ganz persönlichen Glücksmomente finden.

Jammert nicht, fordert. Und zieht Konsequenzen. Wenn euer Arbeitgeber euch als (künftige) Eltern diskriminiert, macht ihm Ärger. Bückt euch nicht, wo ihr aufrecht für eure Rechte einstehen müsst. Euer Privatleben darf nicht von der Personalabteilung bestimmt werden.

Seht ein, dass ihr im Leben nicht mehr alles machen könnt, was toll wäre. Ihr habt zwar Millionen/Milliarden/unendlich viele Optionen. Aber Kinder sind nicht schuld daran, dass ihr mit eurer doofen Sterblichkeit leider nicht alle davon umsetzen könnt.

Traut euch, verdammt noch mal, gesellschaftlichem Prestige einen Tritt zu geben. Überlegt, wie schlimm das schlimmste Szenario wirklich werden könnte. Was, wenn ihr keine geschmackvoll eingerichtete Wohnung haben werdet? Oder kein Einfamilienhaus mit Garten? Oder keinen aufregenden Job im Bundestag? Seid ihr dann unglücklich?

Glaubt an eure Kraft und glaubt an euren Partner. Denkt nicht, dass ihr auf jeden Fall diejenigen sein werdet, die das mit der Arbeitsteilung nicht schaffen. Denkt nicht, dass euch die morgendliche Hetze in die Kita als Einzige fordern wird, während alle anderen neben dem Duschen noch fröhlich Dinkelmuffins backen.

Lasst zu, dass ihr euch verändern könntet. Meine Kinder haben mich zu einem stabileren Menschen gemacht. Das Süße der emotionalen Destruktivität und der Melancholie, die (manche) junge Menschen an den Tag legen, habe ich abgelegt. Darüber hätte ich früher gegrübelt, aber das entspricht nicht mehr meinem neuen Wesen. Mit anderen Worten: Ihr werdet andere Menschen werden. Wenn ihr Weiterentwicklung prinzipiell gut findet, dann lasst euch darauf ein.

Glaubt nicht alles, was ihr über das Kinderhaben lest. Diesen Text hier nicht und die vielen negativen Horrormeldungen auch nicht. Es ist nämlich für jeden anders. Sperrt die Augen auf, helft in Familien aus, sucht euch euer eigenes Bild zusammen.

*Wer sich nicht sicher ist, ob er überhaupt generell Kinder mag und auch noch welche haben will, dem rate ich vorerst dringend ab.

 

 

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