Herz über Kopf

Schon vor einigen Wochen habe ich im TIME Magazine einen sehr persönlichen Text von Susanna Schrobsdorff über die „Grandparent Clock“ gelesen. Ihr 81 Jahre alter Vater ist dement und sie beschreibt das Gefühl des Verlusts, wenn sie sieht, dass ihre kleine Nichte den Großvater nicht mehr so erleben kann, wie er noch wenige Jahre zuvor war: geistig wach und körperlich kräftig. Stattdessen könne das fünf Jahre alte Mädchen ihre Mutter und Tante dabei beobachten, wie sie sich neben dem Job um kleine Kinder und pflegebedürftige Eltern kümmern müssten. Die „Rushhour des Lebens“ wird dadurch mit einer zusätzlichen Aufgabe gefüllt. Ich könnte mir vorstellen, dass das nicht minder anstrengend ist, als etwa ein Studium oder den Berufseinstieg und Kinderversorgung gleichzeitig zu schaffen. Doch über ein solches Szenario wird selten gesprochen, wenn es darum geht, wann der Moment für die Familiengründung gekommen ist.

It seems naive to say this tripart balancing act came as a surprise to me and my sister, but it did. Somehow, while we were worrying about our biological clocks and our careers, it didn’t occur to us that another biological clock was ticking down: that of our parents’ health.

Bevor man sich für Kinder entscheidet, ist auch bei uns die Frage, wo die Großeltern später sein werden und ob sie verfügbar sein können, eher keine Priorität. Der idealtypische Karrieremensch wechselt seinen Arbeitgeber, seine Stadt oder gar sein Land so wie es eben nötig wird. Auch ich habe das mit meinem Mann so gemacht, als wir zum Studium unsere Heimat verlassen haben. Das Leben in der Ferne, weg von der Familie und von alten Freunden, war die richtige Entscheidung, um beruflich voran zu kommen. Dennoch kam bei den Besuchen in der Heimat immer das Gefühl auf, nie richtig da zu sein. Liebe Menschen nur noch vom Kaffeetrinken zu kennen, statt von gemeinsamen Erlebnissen.

Dann kamen die Kinder. Früh genug, um unsere Mütter und Väter zu jungen Großeltern zu machen. Sogar ihre Urgroßmütter, -tanten und der Uropa sind noch dem Alter entsprechend fit. Aber leider befanden wir uns am falschen Ort. Plötzlich merkten wir, dass es doch eine erhebliche Belastung bedeutet, wenn man für einen Heimatbesuch mit kleinen Kindern erst acht Stunden Bahnreise hinter sich bringen muss. Und als Familienmitglieder kurzfristig schwer erkrankten, wurde uns klar, dass wir eigentlich lieber dort wären, bei ihnen; nicht nur für ein paar Tage oder aus aktuellem, traurigen Anlass. Unsere Entscheidung, trotz schlechterer Perspektiven von der Großstadt Frankfurt zurück nach Tirol zu gehen, haben wir „Herz über Kopf“ gefällt. Auf die Frage „Was werdet ihr dort machen?“ können wir nur ehrlich sagen, dass der Plan noch im Werden ist. Und das fühlt sich zwischenzeitlich ziemlich verrückt an, weil es so ungewohnt ist, dass Emotion über Ratio siegt. Beim Kinderkriegen während des Studiums haben wir es allerdings ähnlich gemacht und diese Entscheidung haben wir noch nicht bereut.

Darum finde ich es schön, wenn es hin und wieder Stimmen gibt, die für die vermeintliche Unvernunft einstehen. Denn ich habe den Eindruck, dass die äußeren Parameter überbewertet werden und das Herz zu oft vom Kopf die Richtung diktiert bekommt. Stattdessen sollte der Kopf lieber richten, was das Herz sich wünscht. Ich plädiere aus eigener Erfahrung für das „Es wird schon alles irgendwie werden“ – ohne Garantien natürlich. Aber vielleicht können einem sogar die eigenen Eltern dabei helfen, wenn man sie denn lässt.

So wie Susanna Schrobsdorff, die sagt:

[..] I’d give anything if my kids could have one more weekend at the beach with my parents in peak grandparenting mode–full of silly jokes and poetry and wry observations from extraordinary lives lived fully.

And now, amid the ongoing debate over when to lean into a job or a relationship or children, my take has changed. I want to tell my daughters, “Don’t forget grandparents in the high-pressure calculus of modern life. I would like to make it easier for you if you want to lean in and have babies at the same time. I’d also like to know your children.”

 

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