Im Gutrausch

In Wien, München, Frankfurt wurden in den letzten Tagen Flüchtlinge, die es aus Ungarn rausgeschafft haben, mit stürmischem Applaus empfangen. Menschen brachten nicht nur Essen, Getränke, Hygienepakete sondern auch Luftballons und selbst gemalte Schilder mit. Das war schön und wichtig, um zu zeigen: Geflüchtete Menschen sind bei uns willkommen, wir stehen nicht hinter der menschenverachtenden Asylpolitik unserer Regierungen. Und Fremdenfeindlichkeit hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Wir waren zu recht gerührt und stolz. Endlich gab es wieder einen Grund, sich nicht so sehr zu schämen.

Aber die Partystimmung, so anrührend und positiv sie auch ist, so sehr sie auch die Mitte der Gesellschaft zum Zupacken gebracht hat: Sie hat eine Kehrseite.

Nach dem großen „Hallo“ folgt für viele Geflohene die Ernüchterung – in einem eilig umgestalteten Turnsaal oder einer Messehalle; Feldbett an Feldbett.

Die Gefahr besteht, dass wir das aber vergessen, wenn wir uns die fröhlichen Jubelvideos in Endlos-Schleife ansehen und uns an der Hilfsbereitschaft der Zivilbevölkerung berauschen. Oder dass wir vergessen, dass es nicht allein die Privaten und einige NGO sein dürfen, die solche Krisen meistern. Dass wir weiterhin den Finger auf die Wunde halten müssen, damit sich im Asylsystem grundsätzlich etwas ändert. Dass währenddessen weiterhin Kinder in den Wellen untergehen, weil der repressive Teil unseres Staatsapparates sich nur für kurze Zeit im Hintergrund gehalten hat und jetzt wieder die Grenzen dicht machen will.

Aber der Jubel und die ehrliche Begeisterung, ja Menschenliebe für Flüchtlinge ist auch dann gefährlich, wenn wir deshalb nicht mehr klarsehen können, welche Bilder die letzten Tage noch produziert haben. Denn während wir in den großen Zeitungen die tollen Aufnahmen sehen von süßen, syrischen Kindern, die Teddybären halten, dringen von den dunklen Seiten des Netzes andere Eindrücke zu uns: Riesige Müllberge am Rand ungarischer Straßen, mit vollen Obstkisten, scheinbar funktionstüchtige Kinderwagen, die einfach zurückgelassen wurden. Unter solchen Fotos steht dann: „Und das sind also die armen Flüchtlinge!“ oder „Das sind die Fotos, die man uns nicht zeigt!“ Die Lügenpresse hat in den Augen der Ängstlichen und der besorgten Bürger wieder ganze Arbeit geleistet.
Auch die Tatsache, dass fast alle der aus Ungarn zu uns kommenden Flüchtlinge unbedingt nach Deutschland weiterwollen, ist ein ganz großes Problem für viele Österreicher mit Angst vor Neuen und Ressentiments gegenüber Fremden. Obwohl sie die Menschen eigentlich ja lieber nicht da hätten, aber ein bisschen beleidigt ist man natürlich trotzdem. Tatsächlich gibt es gute Gründe dafür, die jeden vernünftig denkenden Menschen zur selben Entscheidung bringen würden.

Das Problem ist: Meist werden solche Fakten medial zu wenig aufgegriffen und erklärt. Womöglich aus der Angst, dem fremdenfeindlichen Teil der Leserschaft allzu viel Futter zu bieten.

Ich finde es aber hoch gefährlich, die Situation zu verklären und die Debatte unehrlich zu führen, nur weil die Rechten das auch so machen.

Dabei können aufklärende Texte, die von sich aus „verwunderliche Beobachtungen“ ansprechen, wie die Sache mit den Smartphones, durchaus Missverständnisse ausräumen. Es gibt auch sicher gute Gründe, warum etwa in Ungarn Müll liegen geblieben ist. Menschen, die auf der Flucht sind, haben nicht vorrangig Ordnung im Sinn. Sie sind zu Fuß unterwegs, tragen Kinder vor sich her, wollen unbedingt so schnell wie möglich über die Grenze. Und vielleicht, ganz vielleicht, sind sie auch einfach ein bisschen chaotisch. So wie die meisten von uns.

Ich habe das Gefühl, momentan werden geflohene Menschen vom „Refugees Welcome“-Lager aber auf ein Podest erhoben, von dem sie nur allzu schnell wieder runtergestoßen werden können, wenn der Wind der öffentlichen Meinung sich wieder dreht. „Der Flüchtling an sich“ ist den transportierten Bildern nach entweder eine sympathische Mutter oder ein niedliches Kind. Alle sind bestens ausgebildet und brennen nur darauf, sich sofort mustergültig in unsere westliche Gesellschaft zu integrieren. Natürlich sind „die Flüchtlinge“ auch unendlich dankbar für jeden verstaubten Blödsinn, den Helfer aus dem hintersten Winkel des Dachbodens gezerrt haben. Sämtliche negative Erscheinungen, wie eben das Müllproblem, sind erschwerenden Umständen zuzuordnen.

Dass vieles auf einen Großteil der Leute, die zu uns kommen, zutreffen mag, davon ist auszugehen. Aber dabei wird ausgeblendet, dass es selbstverständlich auch unter Geflüchteten einige Menschen geben wird, die man sich nicht als Freund aussuchen würde. Dass es unter ihnen womöglich sogar Menschen geben wird, die erhöhte Erwartungen an ihre neue Umgebung haben und am Ende vielleicht sogar undankbar sind, weil die Schlepper ihnen wahnwitzige Versprechungen gemacht haben. Und dass es in einer Unterkunft für mehre hundert oder gar tausende Menschen auch zu Diebstahl, Mobbing oder Gewalt kommen kann.

Indem man diese Probleme medial ausblendet und somit als Gesellschaft weitgehend ignoriert, tut man Geflüchteten aber keinen Gefallen: Ein Mensch, der nur als Teil einer uniformen Masse („arme Flüchtlinge“) wahrgenommen wird, der wird in seinem Wesen nicht mehr erkannt. Er wird auch im Zweifel nicht in seinem Tun korrigiert oder erst, wenn andere oder er zu Schaden gekommen ist. Und wenn Missstände, wie Gewalterfahrungen von Frauen in den männerdominierten Heimen, nicht offen angesprochen werden, dann haben wir viele Opfer einer falsch verstandenen Unschuldsvermutung.

Dabei brauchen wir dringend eine ehrlichere Diskussion über die Menschen, die kommen. Ihr Potenzial, sich hier zu integrieren; aber auch über Defizite, die sie vielleicht mitbringen. Nicht, damit wir sie deshalb ausgrenzen können, sondern, um sie zielgerichtet zu unterstützen. Wir müssen erfahren, welche Ziele und Träume sie wirklich haben und nicht, welche wir annehmen, dass sie haben. Wir müssen zum Beispiel darüber sprechen, welche Form der Schulbildung für geflüchtete Kinder wirklich sinnvoll ist. Und wir müssen anerkennen, dass es kulturelle Unterschiede gibt, die wir etwa bei der Unterbringung von Frauen beachten müssen.

Nur, wenn wir uns trauen, offensiv mit berechtigter und unberechtigter Kritik umzugehen, wenn wir undogmatisch an Probleme herantreten; nur dann können wir die große Aufgabe bewältigen, die nach dem „Welccome“ noch vor uns liegt.

Bevor sich hier aber jemand vorschnell die Hände reibt: Ja, Geflüchtete sind keine Heilige. Sie sind Menschen, die mit ihrer Flucht enorme Hindernisse überwunden haben. Menschen wie wir, nicht mehr und ganz sicher nicht weniger.

Fragen zur Asylpolitik, mit verständlichen Antworten, hat der Spiegel aufgeschrieben.

One comment

  1. Deinem Post kann ich nur zustimmen. Nach der Euphorie muss nun die Realität betrachtet und die anstehenden Herausforderungen ins Auge gefasst werden, sonst kann das Ganze bald ganz schnell ins Gegenteil umschlagen.

Leave a Comment