Kindersichere Kindheit und entmündigte Erwachsene

In ihrer Online-Kolumne „Digitale Dröhnung“ für das österreichische Nachrichtenmagazin Profil schreibt Ingrid Brodnig über ein sehr gruseliges aber wenig überraschendes Google-Patent aus dem Jahr 2012, das kürzlich von der BBC ausgegraben wurde. Ein Roboter-Teddybär, der mit seinem Umfeld interagieren kann, sämtliche Aufnahmetechniken beherrscht und Geräte in der Umgebung steuern kann. Gemacht für die Totalüberwachung im Kinderzimmer.

Zurecht sagt Brodnig, dass der Bär ziemlich gruselig ist, nicht nur weil Kinderspielzeuge mit Eigenleben seit jeher ein wunderbares Horrorfilm-Maskottchen geben. Zwar mag der Bär nie die Marktreife erlangen, aber irgendein ähnliches Gerät mit Sicherheit.

Das ist auf mehreren Ebenen problematisch: Erstens können Kinder sich gegen die elterliche Spitzelei nur schlecht wehren und schon gar nicht freiwillig auf ihre Privatsphäre verzichten, wie wir es zum Beispiel in sozialen Netzwerken tun. Zweitens werden sie so schon von klein auf dazu getrimmt, dass es Rückzug für sie nicht gibt und werden staatliche Überwachung später fraglos akzeptieren. Und drittens macht es auch etwas mit den Eltern, die eigentlich im Traum nicht nach so einem Ding gefragt hätten: Wo ein Gerät, da eine Handlungsaufforderung.

Schon heute gibt es Babymatratzen, die Bewegungen und Temperatur im Schlaf messen, um dem plötzlichen Kindstod vorzubeugen. Ob sie ihn wirklich verhindern können, sei dahin gestellt. Doch im schlimmsten Fall muss man sich als Eltern die Frage stellen lassen, warum man denn auf dieses praktische Hilfsmittel bitteschön verzichtet hat. Also geht man vielleicht lieber auf Nummer sicher.

In Entwicklung ist auch Babyunterwäsche, die quasi eine ständige Überwachung aller Körperfunktionen übernimmt und dann zum Beispiel einer automatischen Milchflascheneinheit meldet, dass das Kleine Hunger hat. Mich schaudert es beim Gedanken, dass junge Eltern glauben, so etwas zu brauchen. Nicht nur, dass damit die natürliche Milcheinheit der Mutter obsolet gemacht wird (Brüste melden übrigens auch ohne Sensoren, dass das Baby bald wieder Hunger haben wird). Diese Geräte erfordern eine komplette Entmündigung der Eltern und schaffen Nachfrage nach noch mehr solcher Helfer: Wer nie lernt, mit seinem Baby oder Kind zu kommunizieren, wird am Ende in allen möglichen Bereichen ihre Autorität akzeptieren.

Aber ich mache mir nichts vor, die Entwicklung ist nicht aufzuhalten: Wer die Website der „Mimo Onesies“ aufsucht, merkt gleich, was die Kraft der Suggestion mit einem macht. Man fragt sich: Sollte ich auch den Schlaf meiner Kinder überwachen und analysieren? Tue ich genug dafür, dass sie jeden Tag ausgeruht und ausgeglichen sind?

Was mich daran so stört: Eigentlich ist es eine gute Sache, mal den Rhythmus der Kinder zu verstehen. Aber wenn man das Schlafverhalten mal kapiert hat, hört man dann auf? Oder lässt man sich an einem lauen Sommerabend um acht von seiner App nach Hause zitieren, obwohl es am Spielplatz grade noch so nett ist? Weil: Achtung, dringend Erholungsphase initiieren?

Vielleicht tracke ich auch daher meine eigenen Daten nicht: Weil ich schlichtweg zu undiszipliniert bin. Von einem Autor habe ich gelesen, dass ihm seine Schlafüberwachung gezeigt hat, wie sehr spätabendlich getrunkener Kaffee seinen Schlaf tatsächlich beeinträchtigt. Bestimmt geht mir das auch so. Nur: Was mache ich am Ende mit der Information? Ich trinke eben gerne nachts noch einen Kaffee. Vielleicht will ich mir einfach kein Gerät anschaffen, das mir ständig sagt, dass ich gerade etwas absolut Unvernünftiges tue.

So geht es mir oft mit Geräten, die angeblich mein Leben einfacher und unkomplizierter machen sollen. Ich will ihnen nicht ihre Funktion absprechen, aber mit ihrem forschen „Du brauchst mich!“ wecken sie in mir ein großes Unbehagen. Ich kann nicht genau festmachen, worum ich bange und weshalb sich in mir Widerstand regt. Während ich zaudere, schnallen sich andere schon euphorisch die Aufmerksamkeit fordernde Uhr ums Handgelenk oder statten ihre Kinder mit GPS-Sendern aus. Und am Ende werde ich mich fragen lassen müssen: Und du, warum hast du noch nicht?

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