Malen nach Zahlen beim Abitur

„Seit ich denken kann stellt mir die Schule mithilfe eines Lehrplans Fragen, die ich anschließend mit ihren eigenen Antworten bearbeite. Das Rekonstruieren der Antworten nennt sich Lernen und das Aufschreiben des Gelernten Klausur.“

Auf freitag.de denkt der Abiturient Simon Clemens laut darüber nach, was seine gerade bestandene Abschlussprüfung eigentlich für einen Wert hat. Und somit auch, was er in all den Jahren davor aus der Schule mitgenommen hat:

„In dreizehn Schuljahren wurde ich nie gefragt, wer ich bin, sondern mir wurde immer gesagt, wer ich sein muss, um das zu tun, was von mir gefordert wurde. Die Schule interessiert sich nur für die Antworten, die sie mir in den Mund gelegt hat. Aber nicht für meine Fragen. Seitdem ich das verstanden habe, bin ich Klassenbester.“

Ich habe kein (Zentral-)Abitur abgelegt, sondern vor zehn Jahren (!) eine österreichische Matura bestanden und ich habe auch keine theoretische Ahnung von Didaktik oder sonst Erfahrungen als Lehrer gesammelt. Ich bin also einer dieser privaten Bundestrainer, die zuhause auf der Couch sitzen und natürlich eine viel bessere Mannschaftsaufstellung gemacht hätten. Ich war mal Schülerin und als solche besonders in den letzten beiden Jahren hart genervt von Bevormundung, Autoritätswahn und eingeschränktem Denken des Schulsystems.

Darum möchte ich aus der hintersten Reihe mal kurz darlegen, warum mich insbesondere die Aufgabe des bayerischen Abiturs in Kunst echt stutzig gemacht hat. Und warum ich deshalb glaube, dass sich im letzten Jahrzehnt doch nicht so viel im Bildungsbereich getan hat, wie ich gehofft hätte.

Die gesammelten Abituraufgaben aus Bayern hat die SZ veröffentlicht, hier der praktische Kunstpart, den ich so seltsam fand:

1. Bildnerisch-praktischer Teil [40 BE]

Ein Galerist organisiert in seinen Räumen eine Ausstellung mit dem Titel „Ma(h)lzeit“. Er wird Bilder junger Künstler zeigen, die sich mit dem Thema „Essen“ auseinandersetzen. Zur Vernissage wird eine Koch-Performance vor den Gemälden stattfinden. Gestalten Sie für diese Ausstellungseröffnung ein Plakat, das den Schriftzug „Ma(h)lzeit“ enthält!

a) Ideensammlung und Skizzen [10 BE]

Sammeln Sie zunächst zeichnerisch und/oder malerisch auf einem großen Blatt Motive, die im Zusammenhang mit den Themenbereichen „Essen/Kochen“ und „Kunst/Kunstschaffen“ stehen! Denken Sie dabei auch an die möglichen Utensilien und Werkzeuge aus beiden Bereichen! Erproben Sie gegebenenfalls das Entstehen von malerischen Spuren mit adäquaten Materialien und Arbeitsvorgängen! Überlegen Sie sich nun, wie aus den Kombinationen von Einzelmotiven aus beiden Bereichen ungewöhnliche Bildideen entstehen! Visualisieren Sie skizzenhaft geeignete Kombinationen, achten Sie dabei auf eine große Variationsbreite und eine ansprechende Blattgestaltung!

Die Aufgabenstellung ist klar: Es soll ein Plakat entstehen. Man könnte meinen, das sei schon genug des Hinweises, um reife Schüler, die sich für Kunst interessieren, einige spannende Entwürfe produzieren zu lassen. Ein Plakat muss ja nicht nur gemalt sein, es wäre in meinen Augen auch aufschlussreich, welche Konzepte für Fotoproduktionen oder meinetwegen illustrative Installationen so ein Schülerhirn unter Zeitdruck ersinnen kann. Natürlich ausreichend dokumentiert und argumentiert.

Aber gut, es soll gezeichnet oder gemalt werden; also kann man ja einen zeichnerischen Entwurf zur Bedingung machen und ein freies Stilmittel erlauben. Aber nein, scheinbar muss man die Aufgabe sogar noch viel weiter präzisieren (lies: die möglichen Ergebnisse eingrenzen). Dem Abiturienten werden hier nicht nur die Arbeitsmittel und der Stil, sondern auch seine Assoziationen zum Thema sehr genau vorgegeben. Selbst, wenn einer wollte: Etwas anderes als die erstbeste Idee sollte er hier tunlichst nicht abliefern. Denn das ist nicht gefragt. Stattdessen: Utensilien aus Kunst und Kochen kombinieren, bitteschön!

Man müsste es statistisch auswerten, aber ich traue mich zu wetten: Auf einem Drittel der bayerischen Abiturarbeiten in Kunst waren Gabeln und Pinsel zu sehen.

Der Titel ist natürlich hoch provokativ und soll nur verdeutlichen, wie wenig Raum zu eigenen Ideen das Kunstabitur in dieser Form lässt. In Wahrheit wäre ich zum jetzigen Zeitpunkt bei diesem Abitur nämlich mit wehenden Fahnen untergegangen.

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