Warum man mit den Rechten wie mit Kindern sprechen sollte

In den letzten Wochen und Tagen ist die Debatte um Flucht, Asylsysteme, rechte Hetze und rechte Gewalt gefühlt immer intensiver geworden. Ich gehe wohl nicht nur der Facebook-Selektion auf den Leim, wenn ich sage: Die Timeline war und ist voll damit. Til Schweiger, Joko und Klaas, Oliver Kalkofe haben sich mit recht deutlichen Worten positioniert und dafür auch viel Beifall vom LagerPro Flüchtlinge“ geerntet (dem ich mich selbst zuordne). Auch ich bin froh, dass solche reichweitenstarken Persönlichkeiten klare Aussagen treffen und das Thema so auch bei Zielgruppen ankommt, die sonst weniger über Asylpolitik nachdenken würden.

Aber ich bin nicht die Einzige, die der untergriffige Ton des Videos von Joko und Klaas gestört hat. Ich glaube schlichtweg nicht, dass man jemanden, der sich selbst als „Asylkritiker“ bezeichnet, damit überzeugen kann, ihn einen „Intelligenzflüchtling“ zu nennen. Zu Beginn seines Videos vermeldet Kalkofe sogar, dass er schon wisse, dass man ihm von Seiten dieses Lagers wohl kaum anhören würde, weil er ja ein „Gutmensch“ sei. Er rechnet also gar nicht damit, jemanden zu überzeugen. Stattdessen predigt er zu den Gläubigen. Er sagt, dass Gewalt nie die Antwort auf Gewalt sein darf. Das stimmt und gilt aber auch für verbale Übergriffe.

Selbst mit einem didaktisch optimierten Video kann man einen radikalen Rechten, einen Brandstifter, einen Nazi wohl kaum zum Freund der Geflüchteten machen. Da liegen vermutlich psychische und sozio-ökonomische Gründe vor, die wohl eine Eins-zu-Eins-Therapie nötig machen würden. Aber es gibt ja einige Vorstufen und ich glaube gesamtgesellschaftlich an die Kraft der Worte.

Und an denen sollten wir feilen, wenn wir die Mitläufer, die Fehlinformierten und die Ängstlichen erreichen wollen. Sascha Lobo hat über Netzhass geschrieben, dass man ihm am besten nicht selbst mit hasserfüllten Worten entgegentreten sollte, sondern mit Aufklärung und Fakten. Auch die Sozialpsychologin Mira Christine Mühlendorf vertritt diese These und schreibt in einem offenen Brief an das Fernsehduo Joko/Klaas: „Antwortet mit Liebe, nicht mit Hass.“ Sie argumentiert schlüssig, dass Rechte nicht ausschließlich an Dummheit leiden würden, sondern vor allem an ihrer Außenseiterposition, ihrer Angst vor dem Fremden und Neuen, den erlebten Demütigungen. Ich kann mir vorstellen, wie man über Jahre zu jemandem wird, der sich durch Hetze im Internet über andere erheben muss. Und ich kann mir vorstellen, dass es nicht hilft, denjenigen verbal runterzumachen.

Das heißt nicht, dass man rechte Hetze oder gar Gewalt tolerieren soll. Im Gegenteil. Klare Ansagen, hartes Vorgehen gegen rechte Entgleisungen jeglicher Art sind gefordert. Und es ist auch gut, wenn die Gemeinschaft sich zusammenstellt und sagt: „Wir hier sind alle der Überzeugung, dass du grade Unrecht hast.“
Nur ist entscheidend, wie man das sagt. Worte kommen ja nicht nur bei jemandem an und lösen Emotionen aus, sie strahlen auch auf einen selbst ab.

Wenn ich selbstgefällig mit Beleidigungen um mich werfe, bleibt von meiner humanistischen Grundhaltung wenig übrig. Menschenwürde gilt natürlich für Geflüchtete aber auch für politische Gegner.

Darum plädiere ich dafür: Redet mit Rechten wie mit Kindern.

Es gibt eine gute Gründe, sich in seiner kommunikativen Haltung gegenüber „besorgten Bürgern“, sturen Rechten, Verschwörungstheoretikern und angeblich „Wertkonservativen“ an Gespräche mit Kindern anzulehnen.

Erstens: innerlich Respekt aufbringen

In jedem Rechten steckt irgendwo ein normaler Mensch. Das klingt extrem naiv, doch selbst einem Nazi darf man seine oder ihre Menschenwürde nicht absprechen, obwohl er sie seinerseits anderen ja nicht gewährt. Und auch einem Nazi muss man das Potenzial zu einem normalen Menschen einräumen.

Es gelingt immer am besten, einem erwachsenen, möglicherweise besoffenen oder aggressiven Menschen seine Würde zuzugestehen, wenn man ihn sich als unschuldiges Kind vorstellt, das er einmal war. Ich stelle mir bei besonders gemeinen Charakteren immer vor, wie sie etwa fünf Jahre alt waren. Bereits sensibel für die Umwelt, aber immer noch recht hilfsbedürftig.

Einem Kind kann man böse sein, einem Kind kann man klar sagen, dass es etwas falsch macht. Aber ein Kind gibt man nicht auf, nur weil es etwas nicht verstanden hat. Bei einem Kind hofft man, dass es sich gut entwickelt. Habe ich diese Hoffnung nicht auch bei Rechten, ist jeglicher Dialog zwecklos, dann bleibt nur mehr Kampf.

Zweitens: Empathie trainieren

Kinder sind je nach Alter relativ empathiefreie Wesen. Sie können nichts dafür, so tickt ihr Gehirn. Auch Nazis haben entweder ihr Einfühlungsvermögen in Menschen anderer Kulturen, Religionen oder Schichten schon als Kinder nie erwerben können oder es wurde ihnen ausgetrieben.

Man kann und muss Empathie trainieren wie einen Muskel. Nachweislich gelingt es beispielsweise Menschen, die viel fiktionale Literatur lesen, besser, sich in andere hineinzuversetzen. Kinder fühlen sich anhand der Reaktionen ihres Umfelds langsam und stetig mehr ein; auch Menschen mit Asperger Syndrom können die Zeichen anderer lesen lernen.

Daher glaube ich, dass man auch einem Rechten begreiflich machen kann, welches Leid Flüchtlinge durchgestanden haben. Worte allein werden nicht genügen, man müsste rechte Straftäter eigentlich gerichtlich ganz gezielt Situationen aussetzen, in denen sie mit solchen Schicksalen konfrontiert sind.

Was sicher nicht hilft: „Wir sagen, man muss Asylbewerber gut behandeln. Das ist so. Punkt.“ Hier gibt es für jemanden, der das nicht kapiert, keinen Ansatzpunkt, die Beweggründe der vorherrschenden Meinung nachzuvollziehen.

Stattdessen muss man den einfühlungsgestörten Menschen Schritt für Schritt heranführen an die Tatsache, dass ein Asylbewerber ein Mensch mit einer schrecklichen Geschichte ist, menschliche Grundbedürfnisse hat, die erfüllt werden müssen und sich freut, wenn er in der Fremde keine Angst haben muss und freundlich angenommen wird. Jemand, der sich ein Leben lang abgewertet und abgewiesen gefühlt hat (berechtigt oder unberechtigt), wird aber nicht verstehen, warum anderen so ein Glück zukommen sollte. Er muss also zumindest in diesem Gespräch das Gefühl haben, auch selbst als Mensch angenommen zu sein.

Will ich, dass mein Kind in der Sandkiste mit einem anderen sein Spielzeug teilt, muss ich ihm auch das Gefühl geben: Dir wird nichts weggenommen, du teilst und dafür bekommst du auch was, nämlich meine Anerkennung und vielleicht einen Freund. Ich kann nicht sagen: „Du dummes, geiziges Kind, gib das jetzt her!“ Ich muss sagen: „Würdest du dich nicht auch freuen, wenn dir jemand seinen Bagger leiht, weil du keine Spielsachen dabei hast?“

Ich weiß, schwer vorstellbar, wenn man an Parolen grölende Pegida-Anhänger denkt. Aber auch Pegida-Leute sind Menschen.

Es gibt allerdings psychische Störungen und Hirntraumata, die bei Menschen jegliche Empathie auslöschen. Hier hilft kein noch so bemühtes Gespräch, da hilft eigentlich nur ein großer Sicherheitsabstand.

Drittens: Floskeln wegwerfen

Floskeln und Worthüllen sind der Feind jeder echten, authentischen Auseinandersetzung. Wer in Phrasen spricht, redet faktisch über gar nichts. Die viralen Videos der letzten Tage waren voll mit solchen lustig gemeinten Worthüllen und Beleidigungen, die auf einer Metaebene der Debatte blieben. Es gibt sie auf der Seite der Guten (Intelligenzflüchtling…) und der Schlechten (Gutmensch, Wirtschaftsflüchtling).

Und wie man im oberen Satz lesen kann, führen sie sofort zu einer radikalen Spaltung in zwei Lager. Die sich selbst zu den Guten zählen, sagen: „Es gibt keine ‚Asylkritik‘, das sind alles Nazis.“ Sie rufen „Refugees Welcome!“; aber ohne einen konkreten Plan und gezielte, politische Forderungen, wie es nach dem Willkommensgruß weitergehen soll, wäre auch das eine leere Phrase. Und die anderen stecken jedem, der für geflüchtete Menschen eintritt, die silberne Gutmensch-Nadel an.

Würden wir mehr so wie mit Kindern sprechen, würden wir uns klarer unterhalten. Wir würden erstmal gar kein Wissen voraussetzen und die Dinge beim Namen nennen müssen. Wir würden Menschen, die geplante Unterkünfte anzünden, vielleicht als „böse Menschen“ bezeichnen, was sie in diesem Moment auch sind. Wir würden gleichzeitig aber vielleicht zugeben müssen, was wir alles noch nicht wissen. Denn was passiert in Deutschland oder Österreich, wenn das „Welcome“ vorbei ist? Ist der Plan ausgereift? Vielleicht werden wir für unsere künftige Asylpolitik das Wort „Kritik“ doch noch brauchen und können es nicht in der Schublade bei den Rechten und Nazis lassen.

Ich weiß, wer bei all dem ganz akribisch nachfragen würde: Meine Kinder. Denn Kinder geben sich nicht mit einer schnellen Erklärung zufrieden, sie bohren nach, solange, bis die letzte Unklarheit beseitigt ist.

Meinen Söhnen kann ich nicht einfach das Wort „Flüchtling“ hinwerfen, denn damit können sie nichts anfangen. Wenn wir Kleidung oder Spielsachen spenden, sage ich zu ihnen: „Wir fahren jetzt zu den Kindern, die mit ihren Eltern vor dem Krieg geflohen sind.“

Sie stellen dann viele weitere Fragen, denn grade der Fünfjährige ist in der „Warum?!“-Phase. Es entsteht ein Gespräch, etwa, was Krieg überhaupt ist oder warum die Menschen sich in Boote setzen müssen und nicht mit dem Flugzeug zu uns kommen. Es gibt Wiederholungen, weil Krieg eben schwer begreiflich ist, aber es ist eine organische Entwicklung, kein mantra-artiges Abspulen von gängigen Begriffen.

Das Wunderbare ist, dass Kinder in solchen Fragen kaum durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt sind, dass so viele Vernunftschranken in ihrem Kopf noch nicht existieren. Für sie gibt es tatsächlich keine Denkverbote und keine Selbstzensur.

Kinder wissen noch nicht, was man halt so sagen oder tun darf. Sie sind darauf angewiesen, dass wir sie an den gesellschaftlichen, moralischen Konsens respektvoll, geduldig und verständlich heranführen.

Würde ich meinen Kindern aber sagen: Was du fragst oder sagst, ist dermaßen dumm und überhaupt nicht erlaubt – es würde bald kein Gespräch mehr geben.

Kindern vermittelt man übrigens auch: Du kannst mit jeder Angst, sei sie noch so lächerlich, zu mir kommen. Meinem jüngeren Sohn musste ich sicher zehn Mal versichern, dass in Badeseen keine Haie schwimmen. Er geht inzwischen gern an den See.

Ich glaube, wenn man egoistische Menschen oder „besorgte Bürger“ mit irrsinnigen Ängsten überzeugen will, muss man sie verbal beruhigen und sie begreifen machen. Ich kann nicht sagen:„Ihr seid alle  blöd!“ und annehmen, dass sie danach irgendwas verstanden haben. Das geht nur, indem man zu ihrem Herzen durchdringt, sie Schicksale nachfühlen lässt und ihnen mit Fakten ihre Befürchtungen nimmt.

Die Liebe zum Menschen kennt keine Grenzen, keine Hautfarbe oder Religion – und auch keine politischen Lager.


 

Zum Schluss noch mal: Wenn mein Kind einem anderen eins überbrät, dann gehe ich dazwischen. Dann kriegt es eine Spielpause. Rechte Gewalt und strafbare Äußerungen werden in unserer Gesellschaft nicht toleriert und müssen entsprechend geahndet werden. Für die anderen Schreihälse brauchen wir aber eine bessere Kommunikationskultur.

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