Sie haben wenig und können viel mehr

Wenn die Zeit der Hetze für die Geflüchteten vorbei ist, weil sie in einem Erstaufnahmezentrum angekommen sind, dann beginnt das endlose Warten. Aufs Essen, auf irgendwelche Registrierungsprozesse, auf den Arzt. Wenig sinnvolle Beschäftigung ist dabei und es ist nicht klar, wann das quälende Warten ein Ende haben wird.

In Deutschland und Schweden verstreichen so ein paar Monate, in Österreich mindestens ein halbes Jahr, bis überhaupt eine Chance besteht, dass ein Asylwerber etwas tun darf.

Nun denkt der österreichische Sozialminister nach Junckers EU-Asyl-Masterplan immerhin laut darüber nach, Asylwerbern künftig doch einen faktischen Zugang zum Arbeitsmarkt zu geben und nicht nur einen extrem verspäteten und stark eingeschränkten (Saisonarbeit only). In Deutschland feiert die CSU derweil, dass die Koalition sich auf vermehrte Sachleistungen für Flüchtlinge, zumindest in den Erstaufnahmezentren, geeinigt hat. Und die Bloggerin und politische Aktivistin Betül Ulusoy wirft gleichzeitig die Frage auf, wie unsere Art zu Spenden eigentlich die Würde der Geflüchteten berührt und ja, angreift:

Wir fühlen uns gut, wenn wir geben. Wir gefallen uns in dieser Rolle. Geben ist leicht. Was schwierig ist, ist nehmen. Denken wir auch an die Gefühle derer, die nehmen müssen oder ist uns unser Geben und unser Wohlbefinden wichtiger?“

Das alles läuft irgendwie auf die Frage hinaus: Wieviel Selbstbestimmung erlauben wir den Menschen, die zwar fast nichts mehr haben, aber deshalb ja trotzdem noch etwas können?

Wenn man sich dieser Tage die Versorgung der notdürftig untergebrachten Menschen in Bayern ansieht, dann will man nicht wissen, welcher Art die angekündigten Sachleistungen sein werden, die das bisschen monetäre Freiheit für die zur Untätigkeit verdammten Asylwerber ersetzen sollen. Im österreichischen Traiskirchen mussten im Sommer die Heimbewohner oft stundenlang für eine Mahlzeit anstehen, über lange Wartezeiten und hungrige Menschen klagte eine investigative Reporterin vor wenigen Tagen in einer Hamburger Einrichtung. Besonders Babys und Kleinkinder leiden an der für sie vollkommen ungeeigneten Kost; Experten sprechen gar von Kinderrechtsverletzungen.

Auch steht das Geschäft mit Essenspaketen im dringenden Verdacht, eher die Bilanzen von spezialisierten Caterern fetter zu machen als die Heimbewohner.

Untätigkeit, Perspektivlosigkeit, vollkommene Abhängigkeit vom Goodwill anderer, keine Entscheidungsfreiheit nicht mal für niedrigste menschliche Bedürfnisse – wie die eigene Nahrung selbst auszuwählen und zuzubereiten. Das würde man sich nicht wünschen, wenn man selbst hätte fliehen müssen und in der Fremde einen Neuanfang machen muss.

Flüchtlinge sinnvoll zu beschäftigen, ihnen das Gefühl geben, immer noch etwas beitragen zu können, das ist wichtig. Nicht nur für sie, sondern besonders für alle, die sich nicht ganz vorstellen können, dass diese Syrer“ etwas tun wollen und können.

Doch sie wollen: Als das Tiroler Sellraintal von einer Mure schlimm verwüstet, ja ruiniert worden ist, und zahllose Familien ihre Häuser verloren haben, halfen Asylwerber aus der Region beim Wiederaufbau. Es war ein schönes Zeichen, das leider viel zu selten zu sehen ist. Denn man lässt die Menschen nichts tun.

Viele haben jetzt Angst, dass Flüchtlinge am Arbeitsmarkt für Lohndumping sorgen könnten. Ich glaube, die Angst ist zu einem gewissen Teil berechtigt; wenn Industrieverbände plötzlich mehr von Menschen als Maschinen reden, haben sie Eurozeichen in den Augen. Die Regierungen Europas müssen Wege finden, Asylwerber in den Markt einzubinden, ohne dass ihre geschwächte Ausgangslage als billige, chancenlose Arbeitskräfte ausgenutzt wird. Das wäre für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fatal und würde am Ende doch nur wieder auf dem Rücken der Neuankömmlinge ausgetragen.

Auch sollte man nicht den Blick dafür verlieren, dass aufgrund der rigiden, europäischen Grenzpolitik sehr viele Menschen aus höheren sozialen Schichten zu uns kommen; denn sie können Schlepper bezahlen. Es sind viele gebildete Menschen, die in ihrem Heimatland fehlen. Wenn wir uns, ganz in ökonomischer Denkweise, die vorbildlichsten, supergebildeten Spitzen-Asylwerber wie Rosinen rauspicken, sorgen wir für einen stetigenbrain drain“ in deren Heimatländern. Stattdessen müsste das Ziel für die allermeisten Asylwerber heißen: gezielte Weiterbildung, um vielleicht irgendwann wieder Aufbauarbeit im Heimatland leisten zu können.

Eine ehrenamtliche Sprachlehrerin hat einen leicht verständlichen, wenige Schritte umfassenden Plan aufgeschrieben, wie man Flüchtlinge von Anfang an besser integrieren und bilden könnte. Ganz wichtig empfinde ich den Punkt, bei dem die öffentlich-rechtlichen Medien in die Pflicht genommen werden, auch tatsächlich die gesamte Gesellschaft zu bilden und nicht nur Akademiker jenseits der Sechzig.

Und für uns alle sollte das altbekannte und doch immer noch gültige Credo lauten: Helft den Menschen, sich selbst zu helfen. Lasst sie Spenden sortieren, lasst sie ihre eigenen Mahlzeiten kochen, lasst sie Übersetzungen anbieten für jene, die noch nicht so lange hier sind. Lasst sie ihre Landsmänner medizinisch betreuen, wenn sie Ärzte sind. Lasst sie Kinder unterrichten, wenn sie Lehrer sind. Lasst sie die Heimwebsite programmieren oder ihre eigenen Möbel bauen.

Lasst sie etwas tun, selbst wenn es keine Erbwerbsarbeit ist. Lasst sie wertvoll sein. Alles andere ist unwürdig.

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