Wir wussten von nix, niemals!

Der gute BILDblog hat einen kurzen Nachklapp zur unsäglich Westfalen-Blatt-Geschichte geschrieben, den ich für sehr wichtig halte. Offenbar hat die Redaktion laut einer zweiten Stellungnahme personelle Konsequenzen gezogen: Sie feuerte ihre freie Kolumnistin, weil sie einem Vater geraten hat, seine Töchter nicht zu einer Homosexuellen-Trauung mitzunehmen. Ihre Kolumne fand ich selbst total daneben, deshalb nun ein Bauernopfer zu geben, ist aber richtig heuchlerisch. Hat man denn auch den verantwortlichen Redakteur gefeuert, der das Stück ins Blatt gehoben, leicht sinnentstellend gekürzt und zum Druck geschickt hat? Nein. Und das würde ich auch nicht fordern wollen.

Wo ist denn unsere Streitkultur geblieben? Können wir einem Autoren, einem Redakteur oder Verleger nicht mehr vehement, laut und sogar mal stilvoll beleidigend die Meinung sagen – ohne dass sofort einer seinen Job verliert? Ist die Angst vor dem vermeintlichen „Mob aus dem Internet“ so groß, dass man sich nicht hinstellen kann und sagen: „Ja, wir hatten verdammt unrecht. Das sehen wir jetzt ein. Und wir werden höllisch aufpassen, dass wir künftig keine Hassbotschaften mehr aussenden. Nicht nur das, wir werden den Schaden sogar wieder gutmachen und eine Themenseite zur Gleichstellung von Homosexuellen veröffentlichen.“ (Naiv, gell?)

Selbst wenn die Kolumnistin tatsächlich homophob sein sollte, was sich aus der ungekürzten Fassung zumindest nicht mehr zweifelsfrei lesen lässt, dann würde es unserer Gesellschaft guttun, sich mit ihr zu streiten, ihr die Augen zu öffnen, aber sie nicht in ein Eck zu stellen, aus dem sie sich nicht mehr herausbewegen kann.

Was, wenn es tatsächlich der Kürzung geschuldet war – und womöglich einem gewissen schreiberischen Unvermögen – dass wir die Kolumnistin alle missverstanden haben? Während die Redaktionsleitung offenbar keine Ahnung von den Meinungsstücken im eigenen Blatt hat, aber weiter publizistische Macht innehat, wird Frau E. keine Chance mehr haben, ihre Sichtweise darzulegen.

Eine harte Strafe ist das für ihre wirklich unschöne Kolumne, die derzeit aber nach deutschem Recht so unerhört nicht zu sein scheint: Es ist schließlich politisch nicht gewollt, gleichgeschlechtlichen Paaren tatsächlich gleiche Rechte zu geben. Man hofft aber, dass man mit genügend Sonntagsreden zu Toleranz und Gratulationstweets an schwule Fußballer so Einiges wettmachen kann. Wenn dann eine die ungerechten Wertmaßstäbe tatsächlich verinnerlicht hat, die unsere Gesetzeslage momentan noch vorschreibt, ruft man laut „Buuuuh“ und hofft, dass keiner was merkt. Scheinheiliger geht es kaum.

Ach, und noch was: Wenn Sie ihre Stellungnahme ernst meinen würden, täten Sie gut daran, Ihren Kommentarbereich darunter gewissenhaft zu moderieren. So manches da liest sich deutlich schlimmer als die ursprüngliche Kolumne.

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